Sonntag, 11. August 2013

Götakanal die Erste — Arkösund nach Söderköping

Mittwoch 31. Juli. "Tolle Wurst!" Beim Ablegen hängt unser Kiel zur Abwechslung mal nicht in irgend jemandes Heckanker, sondern in der Mooringleine. Diese wurde im Eifer des gestrigen Anlegegefechts gegen Seitenwind und Stinkstiefel in Kooperation mit eifrigen jungen Hafenmeistern von vorne steuerbord nach achtern backbord durchgereicht. Der Wind steht heute von achtern bb aufs Heck, sodass wir auf den Nachbarn an stb gedrückt werden, als wir uns rausziehen. Diese Nachbarn sind weniger dramatisch veranlagt als die an backbord und halten anstandslos ab. Wir kommen frei, bloß um im Hafenbecken festzustellen, dass wir immer noch an der Mooringleine hängen, oder umgekehrt, die Leine an unserem Kiel. Wieder verunsichert: Wie herum verläuft die blöde Leine denn nun?! Die LF schlägt in der Not dem Skipper vor, nochmal in die Box zu fahren, um die Angelegenheit in Ruhe zu klären, notfalls durch tauchen. Das hört die Frau vom Stinkstiefel, die plötzlich an Deck ihres Kahns auftaucht und die Hände überm Kopf zusammen schlägt:" Oh nein, nicht!" Jetzt heißt es erst mal einatmen, dann ausatmen. Nach ein paar unschlüssigen und bangen Momenten sinkt die Leine von selbst ab, die Klappe der Nachbarin bleibt zu. Ob der Affe dabei ums Leben gekommen ist, interessiert uns nicht mehr. Fuh!


Tanken, Gasflasche bunkern und Hafengeld entrichten erledigen wir in einem Aufwasch. Die Zufahrt nach Mem ist schön schärig und dicht bewaldet, vorbei an einem Felsen, wo lediglich eine hübsche ökumenische Steinkirche drauf steht. Brothers and sisters: Praise the Lord! Und dann geht's hinein in den engen Kanal. An der Einfahrt in Mem steht eine Bude zum einchecken. Wir zahlen Durchfahrt und Hafengebühren für die Häfen im Götakanal (aber nicht die für den Trollhättekanal) und werden mit einem Aufkleber für den Mast sowie Servicekarten in der Größe von Kreditkarten ausgestattet. Damit haben wir elektronisch Zugang zu den Hafeneinrichtungen. Einfach Karte ranhalten, Sesam öffne dich. Alles professionell durchorganisiert. Wir bereiten Leinen für die erste Aufwärtsschleuse vor. Uh, ist das aufregend. Die Leinen dürfen nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz sein. In Fahrt abspringen, wieder an Bord kommen, gar nicht so einfach. Und von wegen kein Wind im Kanal. Je nachdem, aus welcher Richtung der Wind bläst, kann er in der Schleuse um 1-2 Windstärken zulegen. Ein Gewitter kündigt sich mit Donnergrollen an. Die Böenwalze entpuppt sich aber als leere Drohgebärde eines Himmelsrowdies. Drei Schleusen, dann iss a Rua für heute. Man kriegt gleich zu Anfang eine Idee, warum die Schweden den Götakanal "Scheidungskanal" nennen. Schleusen sind ein wahrer Stresstest. 


Und sonst und überhaupt:
- eine Mooringleine ist in sofern wie eine Wurst, als sie zwei Enden hat, und eine gute Sache, wenn sie nicht...
- Beim Abendbrot im Bondens Lanthandel beobachten wir einen stockbesoffenen Schweden, der die Gäste an einem Tisch neben uns von der Straße aus anspricht. Sieht aus wie "Ditsche", isset aber nich. An diesem Original können wir unschwer erkennen, wie genau dieser Olli Dittrich Säufer studiert haben muss. Seine Darstellung stimmt bis in die feinsten körpersprachlichen Details. Die angewinkelten Knie, die leicht nach vorn gebeugte Haltung, das Hin-und Herschwenken von einem Bein aufs andere, und die Mikroausdrücke im Gesicht. Wir haben großen Spaß.

Mittwoch, 7. August 2013

Golden Gate — Ringsön nach Arkösund

Dienstag, 30. Juli. Morgens um 5:00 sind alle noch da, die Spiegelungen von gestern. Das Schwein ist aber nicht mehr im Galopp, seine Augen sind nicht mehr angriffslustig aufgerissen, das Füchsen jetzt ganz entrückt, alle Kreaturen wie in Schlaf gebannt. Vogelgezwitscher und eine wohlig duftende feuchte Luft kündigen einen neuen Tag an. Über unserer Koje taumeln besoffene Mücken am Luk, darüber ziehen Wolken. Die Mücken haben sich innerhalb des Moskitonetzes verfangen, statt davon draußen gehalten zu werden. Blöde Blutkonserven, vollgesogen mit unserem Blut. Wenn die Logbuchführerin welche erschlagen würde (z.B., damit es etwas skandalöses zu berichten gäbe, was sich gut im Blog macht), dann gäbe es Blutflecken mit unserem Blut. Faszinierend, dieses Hin und Her von Drin und Draußen!

Während die LF so rumphilosophiert, steigt draußen die Sonne über die Bäume und lockt die LF aus der Koje. In einem nächsten wolkenlosen Moment ergießt die Sonne reines Gold auf ihr gesamtes Gegenüber, so  hell, als strahlte alles von innen her. Überirdisch!!! Als die LF einatmet, strömt wohl etwas von diesem Gold mit ein, denn für den Rest des Tages ist Sonnenschein, obwohl die Sonne sich später nicht einmal mehr zeigt. Als die LF den Skipper weckt: "Willst du mal was Schönes sehen?" ist der Glanz schon nur noch halb so hell, das "Golden Gate" in den Tag hat sich wieder geschlossen. Ein prima Ort, um zu sterben, dieses Ringsön im Sommer. Dennoch reißen wir uns nach dem Frühstück los von hier, denn heute Nachmittag soll es ungemütlich werden. Nach dem Aufbruch zieht es sich auch mehr und mehr zu. Ab Mittags regnets, am Nachmittag nimmt der Wind zu, begleitet von noch mehr Regen. Schön, bei derartigem Wetter einen Hafen anzulaufen, den man schon kennt, dessen Gemütlichkeitsgrad man einschätzen kann und von dem man weiß, dass es dort Das Leckerste Blaubeereis Jemals gibt. Der Tag endet später als gedacht. Abendbrot 21:30. Fische schnappen sich mit hohen Sprüngen aus dem Wasser ihr eigenes Abendmahl. Na dann: Gute Nacht.

Und sonst:
- Oxelösund von weitem ein grauer Schemen, in dessen Mitte ein offenes Feuer brennt. In Vorbeifahrt lecker Kohlegeruch. Industrieromantik.
- Mit Oxelösund im Rücken passieren wir Huvudskär an backbord, den treuherzigsten und süßesten Seehund aller Zeiten
- Beim Anlegen gegen leicht seitlich blasende 6 Windstärken ein selten unfreundlicher Empfang von einem deutschen Stinkstiefel aus Kappeln, der keinen neben sich haben will. Wie der uns tutet, so wir ihm blasen. Hundsfott, damische.
- Um 22:15 glasklare Rückseitenluft. 16°C, das Holz an Deck trocknet nicht auf.

Samstag, 3. August 2013

Rorschach-Tintenklecksbilder — Utö nach Ringsön

Montag, 29. Juli. Mit kurzen Unterbrechungen regnet es, sowohl nachts als auch morgens. Der Himmel ist vollkommen zugezogen, als zögerte der Nebel von gestern noch mit der Landgewinnung. Noch vor dem Frühstück machen wir einen Spaziergang zur Badestelle am Ende der Pier; Skipper tunkt sich, dann will die LF ihm endlich die bonsaifizierte Kiefer vorstellen, deren sie am Vorabend ansichtig geworden war. Der Baum nimmt sich gegen den Himmel jung und alt zugleich aus, strahlt eine Art ewige Schönheit aus. Ein paar Meter daneben steht eine ältere Schwester, ebenfalls anmutig, aber im Vergleich irgendwie bescheiden. Wir genießen den Anblick und das Gefühl, in der Natur echten Charakteren zu begegnen, sei es in Form von Bäumen, Steinen, Wasser oder Orten. Unsere Skärenverzückung wird allerdings dieses Jahr ein wenig getrübt durch Müll, welchen achtlose Zeitgenossen mancherorts hinterlassen, z.B. zerdrückte Bierdosen, zertretene Plastikbecher und Zigarettenstummel. Diese Achtlosigkeit  im Umgang mit den Naturschutzgebieten kennen wir von den Schweden eigentlich gar nicht. Unzivilisiert auch, dass jemand mittenmang einen Haufen hinterlassen hat. Wir wissen noch nicht recht, ob wir von diesen Beobachtungen auf einen Trend schließen sollen...

Wir haben heute "no wind for the sailboat", lassen Heinz mit 2800 Umdrehugen, die immer 7 Knoten Fahrt ergeben, "ungefähr genau nach Westen" laufen. Die See ist glatt, ölig, schwer und grau. Ein mattes Dunkelgrau, bis auf vereinzelte Stellen, wo die Sonne hinscheint, da glänzt sie wie frisch poliertes Silber. Am Horizont rinnt sie, die See, "über den Rand". Es ist schon mit bloßem Auge, um so mehr mit Fernglas, ein tolles Phänomen, die Erdkrümmung zu erkennen. Wenn man die Kimm (den Horizont, das Gesichtsfeld) mit der Formel  e= 2,075x√Ah errechnet (das haben schlaue Mathemati- und Nautiker herausgefunden), liegt die Krümmung in erstaunlich geringer Entfernung für so eine Riesenkugel wie die Erde, nämlich in etwas unter drei Meilen, wenn wir von ca 2 Metern Augenhöhe ausgehen. Mit Begeisterung beobachtet die Lockbuchführerin bei Langfahrten die Kimm, hinter der dicke Tanker immer erst als abstrakte Gebilde regelrecht auftauchen.

Für die letzten zwei Stunden darf Heinz sich ausruhen. Wir gleiten mit voller Besegelung bei südlichem  Hauch sanft aber zügig (4.6 Knoten Fahrt) Richtung Westen, wo ein paar helle Streifen in den Himmel aquarelliert sind, während er, der Himmel, im Süden grau geblieben ist. Ringsön ist eine ringförmige Skärengruppe (so der Name) mit verschiedenen geschützten Ankerbuchten. Bei Einfahrt läuft die Abendsonne nochmal zur höchsten Tagesform auf und zeigt uns "ungefähr genau", wo wir den Anker werfen sollen. Ringsum spiegeln sich Felsen, Bäume und Schilf im Wasser wie Faltbilder von Rorschach: achteraus ein junges Schwein mit aufgerissenen Augen, in wildem Galopp, auf seinem Rücken eingraviert ein kleines scheues Füchschen, seine Hinterläufe ebenso als Krebszangen zu lesen; etwas weiter östlich ein Hirschkäfer, im Westen ein fliegender Fisch und ein namenloses Fabelwesen; im Nordwesten gibts alle paar Sekunden was Neues. Die sinkende Sonne, nur noch knapp überm Horizont, beleuchtet von da unten ein Wolkenschauspiel erster Güte.


Und sonst:
- Beim Baguette- und Brotwettbewerb, den wir parallel zum Fischsuppenwettbewerb laufen haben, kann die Bäckerei von Utö in der Oberliga mitspielen.
- Eine helle Ader im Felsen sieht von weitem aus wie ein versteinerter Wasserfall

Donnerstag, 1. August 2013

Gestocher im Nebel — Lilla Fällingskobben nach Utö

Sonntag, 28. Juli. Eine feuchte Kälte liegt über allem. Die Landschaft ist ein grau in graues Aquarell. Der Anker hat gut gehalten. Keine Lust auf ein morgendliches Bad, zu ungemütlich draußen. Ein guter Tag, um die nötige Schmerztablette mit einem Schluck Rotwein runter zu spülen. Aber eins müssen wir uns an einem solchen Tag doch eingestehen: Wir sind hervorragend ausgerüstet in dieser komplett vermessenen Welt mit Rundumversorgung und Sozialversicherungen. Unsere Geräte funktionieren (meistens). Da bereitet das bloße Tröten im dichter werdenden Nebel in einen Blechtrichter, mit nichts als dem eigenen Atem, besondere Freude, weil es einem das Gefühl gibt, dass die notwendigen Dinge einfach sind. Wir sind eingeschlossen in einer Waschküche, sind bisweilen im Umkreis von ca 100 Metern umgeben von undurchsichtiger, hellgrauer Feuchte. Oder wie aufm Präsentierteller, ein hors d'oeuvre, wahrscheinlich irgendwas aus der Nouvelle Cuisine. Dem Skipper gefällt der Nebel gar nicht. Die LF denkt eher wie "Die üble Tina": is gut fürs Buch respektive Weblog. Eine dunkle Form tritt aus dem Nebel hervor, eine scharf umrissene, aufsteigend abgestufte Felskante, die zu einem eckigen, abstrakten Brocken Stein neben dem Fahrwasser gehört. Das müssen die untersten Stufen des Stairway to heaven sein! Als der Nebel den Rückzug antritt, strahlt die Sonne wie mit einem Punktscheinwerfer einzelne Inselgrüppchen an und streut gleich noch ein paar Silberstreifen drüber. Kormoranhorden halten einzelne Skären besetzt, hocken sauber aufgereiht nebeneinander, wie auf eine Perlenkette gefädelt.

Utö riecht schon bei Anfahrt einladend würzig. Der ablandige Wind pustet uns den Inselduft wie eine Einladung entgegen. Wir versuchen zunächst, in Utös Nordhafen zu landen, der ist aber voll und wuselig. Wir sind nicht die einzigen, die einen Liegeplatz suchen. Fähren kommen und gehen mit Touristen in Hundertschaften und natürlich dem Tempo, das nur Routine erlaubt. Der Hafenmeister schickt uns in den Südteil des Hafens, also nochmal raus und außen um die Skäre herum, von der anderen Seite wieder rein. Dort gibt es freie Plätze, der erste stellt sich allerdings bei Einfahrt als untief heraus. Der zweite Versuch verläuft erfolgreich, wir kommen neben einem Schweden zu liegen, der hervorragend Deutsch spricht, weil seine "Mutti" Deutsche ist. Der erste Hafenrundgang verläuft etwas enttäuschend, so viele Menschen, die hier einen Teil ihres kostbaren Sommers verbringen; in den Versorgungseinrichtungen herrscht eine hysterische Atmosphäre. Nackte junge Mädchen mit schulterlangem Haar und unterkühltem Blick, die nach dem Duschen ihre heißen Höschen wieder anziehen werden, um an einem einzigen lauen Sommerabend alles in die Waagschale zu werfen, Mütter mit kreischenden Kleinkindern, eine durch Beinbruch behinderte Frau auf einem umgestürzten Mülleimer sitzend, sie alle scharen sich um ganze drei Duschen und schnattern in den höchsten Tönen um die Wette, weil ja das Duschwasserrauschen und natürlich das Geschnatter übertönt werden muss. Nichts wie weg hier. An der Haltestelle für die Fähre eine etwa 50 Meter lange Schlange. Fähre spuckt Leute aus, um sich gleich darauf über die Warteschlange herzumachen, im Minutentakt.

Und sonst:
- Unterwegs: als Untiefen getarnte Schwäne
- Die Fischsuppe in der Sejlerbaren darf gar nicht erst zum Fischsuppenwettbewerb antreten, den wir laufen haben
- "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster...." entpuppt sich als dermaßen originelle Lektüre, dass die LF am liebsten eigens dafür die Zeit anhalten würde!
- Der Seenebel hielt sich zwei Tage, in deren Verlauf wir ein Gebiet von etwa 40 Seemeilen nach Südwest zurücklegen. Insgesamt wird es wohl noch erheblich größer gewesen sein.

Mittwoch, 31. Juli 2013

"Neger-Innenhandflächen-Rosa" — Möja nach Langvikskär / Lilla Fällingskobben

Samstag, 27. Juli. Morgentau und Nebel, der sich zunächst wieder lichtet. Möja ist wie eine Zeitschleife. Hier könnten wir hängen bleiben. Tun wir aber nicht. Das Hafenmanöver dauert eine halbe Stunde, da wir mit unserem Kiel in der Ankerleine des Nachbarn in Lee hängen bleiben. Vorbereitet waren wir eher auf die Ankerleine des luvwärtigen Nachbarn, in dessen Richtung unser eigener Anker liegt. Bloß können wir uns dahin nicht ziehen, da wir unmittelbar vor unserem Liegeplatz auf Sandgrund stoßen — beim Reinfahren konnten wir vorwärts elegant drüber wegbügeln, rückwärts gehts aber nicht. Ui ui ui, da gibts Arbeit für ein paar Leute. Die Nachbarn zu beiden Seiten passen auf ihre Schiffe auf und halten uns ab, falls nötig, denn selbst öddelige 6-8 Knoten Wind  treiben uns erheblich ab, sofern sie von der Seite blasen; allerlei Leute mischen sich ein, was die Richtung angeht, in die wir am besten drehen sollen, backbord oder steuerbord. Wo ist es am tiefsten? Jeder sagt was anderes. Ein Bötchen mit drei Leuten kommt angefahren, einer von ihnen nimmt unsere Vorleine, und so werden wir mit Motorkraft (immerhin, auch wenns nur ein Dingimotor ist) auf dem Teller gedreht, sodass wir die Untiefe wieder vorwärts nehmen können und frei kommen. Uff. Danke, und alle legen sich wieder hin.

Kaum haben wir uns erholt, biegen wir wenige Meilen nordöstlich von Möja auch schon nach Osten in den Bockösundet ab. Überraschung: es ist eine der schönsten Durchfahrten, die wir lange erlebt haben. Die Passage ist traumhaft, Trance induzierend. Wir vergessen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Unser Weg ist rechts und links von hoch bewachsenen und kahlen Felsen gesäumt, die sich voraus perspektivisch verjüngen, als fuhren wir in eine geschlossene Form hinein. Wie in einem Rundumtheater sieht es aus, als trugen unsichtbare Hände die Landschaft an uns vorbei, unzählige Schichten beweglicher Kulissen in verschiedenen Grautönen. Nur die allernächste Umgebung enthält Grün, sattes Braun, und "Neger-Innenhandflächen-Rosa" (Skippers Alltagspoesie), der Rest verliert sich in Grau, und voraus im Nebel. Glattgeschliffene und zerklüftete Felsen wechseln einander ab, an den Säumen vom Wasser blank poliert. Manche Brocken unterschiedlicher Größen liegen so nah zusammen, als gehörten sie zueinander; kleine und größere Buchten öffnen und schließen sich, wir schauen, halten die Luft an und staunen.

Boxenstop in Sandhamn, wo wir Trinkwasser, aber auch ein paar Liter Diesel bunkern. Im Hafen wimmelt es nur so von Booten, geht zu wie auf einem Bahnhof. Schon gut, hier wolln wir ja eh nicht bleiben. Weiter gehts, aber da wieder dichterer Nebel aufkommt, gehen wir erstmal vor Anker in der Bulleröbucht, in der Hoffnung, dass die Sicht nach ein bis zwei Stunden wieder besser wird. Bullerö ist zwar entzückend, aber als Übernachtungsskäre nicht geeignet. Zu klein, zu ungeschützt bei wechselnden Windrichtungen. Als wir uns wieder auf den Weg machen, ist der Nebel eher noch dichter geworden, gibt aber dennoch zwischendurch schöne Ausblicke frei, z.B. auf eine Bonsaikiefer, die allein auf einer einsamem kleinen Skäre Wind und Wetter trotzt. Wir tuten in den Nebel, langgezogene Töne. Die Atemluft wärmt sogar die Hand, welche die Tröte hält, ein bisschen.

Die Bucht von Langviken ist groß und geschützt. Wir bleiben nachts in unserem Teil das einzige Schiff. Wind lässt ganz nach, Nebel hüllt uns immer noch ein. Wie sehr wir den Horizont brauchen, fällt uns jetzt auf, da wir keinen mehr haben. Nichts sehen zu können fordert den Verstand heraus, ganz nüchtern im Hier und Jetzt zu bleiben. In Kombination mit kalter Feuchte ist nicht nur der Verstand gefordert, sondern auch die Emotionen. Später in der Nacht zieht sich der Nebel etwas zurück.

Und sonst:
- "Neger-Innenhandflächen-Rosa" ist zwar ein Pleonasmus, da Handflächen nun mal innen sind, aber es gefällt mir trotzdem besser als "Neger-Handflächen-Rosa"; vielleicht erneut die Faszination, dass uns wieder einmal außen etwas Inneres begegnet. Aber natürlich auch, weil es ein Zitat ist, und Zitate brauchen nun mal das Original.
- Vor dem Ablegen: Badende am anderen Ufer, und ein Hund, der auf Wasser geht
- Nach dem Ablegen, merke: alles, was sich vertucken kann, vertuckt sich auch. Und wisst ihr warum? (Weils geht)
- Im Kielwasser eines Containerschiffs ist das Wasser glatt gebügelt
- Unserer Teekanne fehlt an der Tülle ein kleiner Katschen. Dabei ist sie noch gar nicht so alt. Das ist noch nicht dramatisch, aber doch schon beinahe so schlimm wie Flecken auf Lieblings-T-shirts. Wir schätzen sie, behandeln sie mit Respekt. Sie (die Teekanne) kommt täglich zum Einsatz, und wir haben sie gerne. Jeder Schaden oder drohende Verlust an den Dingen, die wir haben, ist an Bord fast noch schmerzlicher als zuhause.

Dienstag, 30. Juli 2013

Bockholmen nach Möja-Kyrkviken

Freitag, 26. Juli. Zum Aufwachen absolute Stille und keine Bewegung. Ein blassgrauer Himmel, der im Laufe des Tages hellblau anläuft, um dann wieder die ollen grauen Vorhänge vorzuziehen. Die Lockbuchführerin (LF) beginnt den Tag mit neuer Lektüre: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson, einem Schweden, der jetzt auf Gotland lebt, wo er an seinem zweiten Buch schreibt. Die Geschichte lässt sich sehr gut an. Der Spiegel sagt: "Ein Schelmenroman erster Güte!"was schon auf den ersten Seiten erkennbar wird.

Der Anker ist beim Lichten heute für den Skipper erstaunlich schwer, obwohl gar kein Schlamm dran klebt. Muss an der Tagesverfassung liegen, die Kralle wiegt nach wie vor 15 kg. Da wir "No wind for the sailboat" haben, tuckern wir bis nach Möja, wo wir bevorraten wollen, bleiben aber dort einfach hängen, schlendern durch den Ort, zum Supermarkt, zur Kirche,
vorbei am Wärtshus, wo eine Jazzkapelle spielt und gut gelaunte Zeitgenossen im Garten rumlungern. Der Hafen ist klein. Die Atmosphäre ist authentisch, eine Mischung aus Wir-leben-hier-Rödel und Wir-machen-hier-Urlaub-Schampuslaune. Einfach zu urig, um gleich wieder weiter zu fahren. Es gibt keine Versorgung, also keinen Strom, kein Wasser, keine Duschen; lediglich ein paar Plumpsklos, von denen die LF sogleich Pickel, Ausschlag, Krätze und was sonst noch alles kriegt, womit sich jedes Bedürfnis, eine etwaige Notdurft zu verrichten, schlagartig erledigt hat, obwohl die Dinger auf den ersten Riecher sogar lecker Holzduft verströmen. (Da meldet sich eine Sehnsucht nach Borgholm auf Öland, wo alle Wege nach dem königlichen Toalet führten...) Was die sanitäre Versorgung angeht, so kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass die Schweden einen rechtschaffenen Sockenschuss haben. Aus unerfindlichen Gründen stellen sie immer eine akute Unterversorgung her, egal ob in Häfen, Restaurants oder Cafès...

Leider können wir den Klang der Kirche gesanglich nicht ausprobieren, da der Pfarrer gerade eine Besprechung darin abhält. Im Pärlan (mit Hafenblick auf Möja Berg) laufen wir zum Abendbrot ein. Hier sind die jungen Kellnerinnen so überfordert wie überall, aber dennoch freundlich. Nachtisch gibts aufs Haus, weil wir geschlagene 1,5 Std. aufs Essen warten. Geduldig, denn es gibt unglaublich viel zu kucken und natürlich zu klönen, z.B. über das "S-Marinale", wie in Bratskartoffeln. Die Dunkelheit schauen wir uns heute durch glasklare Rückseitenluft an. Wie durchsichtig Dunkelheit sein kann! In einer Hütte gegenüber machen ein paar junge Schweden lautstark Party mit viel Flüssigdroge. Na dann: Gute Nacht.



Bock auf Bockholmen

Nomen ist nicht immer Omen: die Tratskär, die wir natürlich
Tratsch-Äre nannten, hatte nichts zu sagen...
Donnerstag, 25. Juli. Jetzt ist mal Schluss mit dem Rumgeöddel in der Großstadt. Der Wind hat schon lange nachgelassen und die Logbuchführerin ist einigermaßen wieder hergestellt. Wer Logbuch führen kann, soll auch was erleben, damit es sich lohnt. Bis Vaxholmen, von Stockholm aus etwa 13 Meilen nach NE raus, müssen wir allerdings noch auf eine andere Art weiter öddeln, denn bis dahin gibt es einen beinahe hysterischen Schwell, hauptsächlich verursacht von den unzähligen Motorbooten, die alle gleichzeitig mit einem Affenzahn von A nach B wollen. Der Schwell ist weitestgehend unvorhersehbar, ruckartige Bewegungen sind die Folge. Wir bunkern Diesel und dann nichts wie weg hier!

Gummiboote voller japanischer Reisegruppen kommen uns entgegen, Skären-watching statt whale-watching, wie wir es in Kanada selbst unternommen haben, wo wir auch tatsächlich einige sehr lebendige Exemplare zu Gesicht bekamen, sodass selbst unsere Reiseführer Lust auf Überstunden bekamen. In den Stockholmer Skären gibts auch etliche Wale, allerdings aus Stein, meistens kriegt man nur ihre starren, glatt polierten Rücken zu sehen. Die Japaner auf den jeweiligen Booten schauen gruppenweise in die gleiche Richtung. Die Hauptbeschäftigung scheint das Fotografieren zu sein.

Mit Blick auf verbleibende Reisezeit beschließen wir, keine großen Strecken mehr nach Norden zurück zu legen. Nach Osten hin gibt es noch unendlich viele Skären, die einen Besuch lohnen. So bekommen wir Bock auf Bockholmen. Die Bucht ist überall etwa 18m tief, nur ganz am Rand wird es auf eine Bootslänge um die Felsen herum flacher. Eigentlich würden wir lieber ankern (die urtümlichste Art, irgendwo fest zu machen), aber mit nur 40m Kette haben wir kein gutes Gefühl. (Ursprünglich gingen wir mal von einer Ankerkettenlänge von drei mal die Wassertiefe aus; seit einem instruktiven Artikel in der Yacht sollen es aber fünf mal die Wassertiefe plus die Höhe des Freibords sein). Also gehen wir an den Felsen und werfen den Heckanker. Zwei Vorleinen haben wir: eine um eine Wurzel,
die andere um eine junge Kiefer. Sehr urtümlich das Ganze: wir nutzen, was sich so zum Gebrauch anbietet. Sonne unter. Ab ins Heiabettchen. Die Bucht ist so still, dass man den eigenen Atem hört. Ansonsten gehört sie den Vögeln.

Und sonst:
- Die LF hat im Krankenlager "Schatten an der Wand" zu Ende gelesen, das ihr noch nachhängt, vor allem wg. dem Zeitreise-Lebensgefühl, das es vermittelt. Eine tolle Geschichte, spannend erzählt.
- Kaum vor Anker, schon Beute gemacht: eine sauber aufgeschossene, etwa 6m lange, weiche Hilfsleine mit Dingi und Bootshaken vom Grund geborgen